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Programm-Pressekonferenz am 25.03.2020

News

Pfingsten 2020, das 49. mœrs festival, der Vorabend des Jubiläums. Für uns ein ganz besonderes Datum, zu dem wir ein ganz besonderes Programm entwickelt haben. Wir möchten in diesen ungewöhnlichen Zeiten ein Festival präsentieren, das Spaß und Mut macht, den Fokus erweitert und die Menschen zusammenbringt – in welcher Form auch immer das möglich sein wird.

Unter dem Motto new ways to fly ist das Festival wieder unterwegs zu neuen Ufern, Entdeckungen und dem ganz besonderen Sound. 2020 liegt ein Fokus auf Projekten von und mit Frauen. Peng macht Mœrs! Das mœrs festival kooperiert mit dem Essener Peng!-Festival und präsentiert mehrere Formationen, in denen die Damen das Sagen haben – auch in der heutigen Szene noch lange nicht selbstverständlich. Außerdem stellen drei international bekannte Improvisatorinnen ihr Projekt 51 % vor. Joëlle Léandre, Maggie Nicols und Silke Eberhard laden jeweils weitere Musikerinnen ein und formieren ein schlagkräftiges Nonett, eine Premiere.

Ein Wiedersehen gibt es mit der charismatischen Camae Ayewa und ihrer Band Irreversible Entanglements, die politisch brisante Lyrics mit energetischem, freiem Jazz verbinden und niemand Geringeren als Archie Shepp als Gast mitbringen. Der 83jährige Altmeister, der einst mit Coltrane spielte und die Geschichte des schwarzen Jazz wie kaum ein anderer prägte, passt mit seiner hellwachen, unbeugsamen Haltung bestens zu dem jungen Quintett.

Nach 31 Jahren dürfen wir Heiner Goebbels wieder begrüßen. Aus einem seiner jüngsten Theaterprojekte entstand Band The Mayfield. Fünf junge Musiker*innen aus vier Ländern improvisieren in einem eigenwilligen, unerhörten Stil. In 49 Jahren erst zum zweiten Mal ist ein Gigant des modernen Jazz in Moers: John Scofield bringt mit Steven Swallow und Bill Stewart zwei Großkünstler zum Festival, die ihn seit Jahrzehnten begleiten.

Der Montag steht ganz im Zeichen von John Zorn. Der New Yorker zeigt zwei aktuelle Kompositionen, die mit der Sopranistin Barbara Hannigan und dem Pianisten Steve Gosling zwei Weltklasseinterpreten finden. Zorn wird außerdem ein unbegleitetes Solo spielen, in einem Schwerpunkt mit dem charmanten Titel „Picasso“. Gemeint ist nicht der Maler, sondern das erste unbegleitete Bläsersolo des Jazz, 1948 von Coleman Hawkins eingespielt. Der Picasso-Spot unterbricht immer wieder das Bühnenprogramm, neben Zorn spielen auch Archie Shepp, Wolfgang Puschnig und andere.

Ein Städtespot liegt in diesem Jahr auf Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Kaÿn Lab spielen eine raffinierte äthiopische Art des Jazz, mit knackigen Rhythmen und jeder Menge Energie. Eine großartige Kooperation hat der norwegische Schlagzeuger Paal Nilssen-Love ersonnen: Seine 14köpfige Large Unit wird um zwei brasilianische und sechs äthiopische Musiker*innen erweitert, darunter der bekannte Tänzer Melaku Belay. Ein brodelnder melting pot, der richtig abgeht.

Auch Künstler*innen aus São Paulo sind wieder in Moers zu Gast. Allen voran natürlich der diesjährige improviser in residence, Mariá Portugal. Sie stellt unter anderem das neueste Projekt ihrer Band Quartabê vor, das tief in die Tradition brasilianischer Musik eintaucht. Schlagzeugkollege Guilherme Kastrup spielt mit seinem Quartett, das heiße tropische Rhythmen mit Jazz und Elektronik verbindet.

Drei große Projekte widmen sich dem Spannungsfeld Neue Musik und freie Improvisation. Der vor 30 Jahren verstorbene, hierzulande fast unbekannte Minimal-Komponist und Performer Julius Eastman wird gleich zweimal in den Blick genommen: die junge amerikanische Band Horse Lords widmet ihm ihr jüngstes Projekt, sozusagen Eastman goes Rock! Vier Pianist*innen um die Folkwang-Professorin Patricia Martin, die einst selbst mit Eastman arbeitete, spielen seine Musik im Original auf vier Flügeln.    

Das weltbekannte Ensemble ChorWerk Ruhr mit seinem Leiter Florian Helgath trifft auf Marc Schmollings Ensemble. Gemeinsam tasten sie sich in Schmollings zarten Kompositionen und Improvisationen vor und kontrastieren diese mit den kühnen Madrigalen von Gesualdo.
28 Musiker*innen bilden Onceim, ein französisches Ensemble für die ganz außergewöhnlichen Projekte. Zu hören sein wird die einmalige Zeitlupenmusik der 88jährigen Komponistin Éliane Radigue, die seit den 1950er Jahren elektronische Musik konzipierte und ihre Erfahrungen und Klangvorstellungen inzwischen auf akustische Instrumente überträgt. Ein feiner, subtiler Klangstrom zum Eintauchen.

Auch das mœrs festival gedenkt des 250. Geburtstags von Ludwig van Beethoven. Zwei ganz verschiedene Programmpunkte, natürlich aus Wien, sind dem Meister gewidmet. Wolfgang Mitterer mischt die neun Symphonien zu einem erregenden, witzigen Remix zusammen, über den Moers-Urgestein Wolfgang Puschnig und Herbert Pirker improvisieren. Im Original belässt das Auner Quartett Beethovens Spätwerke und zeigt, wie radikal und modern diese Musik auch heute noch klingt. Für ein weiteres Beethoven-Werk erweitert sich das Streichquartett um junge Musiker*innen des Landesjugendorchesters NRW.

Der Kompositionswettbewerb composer kids wird zum dritten Mal durchgeführt, das mœrs festival freut sich auf viele Einsendungen. Wolfgang Puschnig lässt es sich nicht nehmen, mit der Projektband die Werke der jungen Künstler*innen einzustudieren.


Wir werden improvisieren. Habt Geduld. Lasst Euch überraschen.
New ways to fly
mœrs festival 2020

Außenseiter, Alte Bekannte und Neuentwickler - Pfingsten Zwanzichzwanzich - Vol. II: 

The Sound of Silence - gefangen im Moerser Time Tunnel zwischen Spätrenaissance, Frühbarock und zeitgenössischer Improvisation.

 

Wie bringt man Stille zum Klingen? Das 21-köpfige Vokalensemble CHORWERK RUHR (Leitung: Florian Helgath) und das Marc Schmolling Ensemble knöpfen sich die drei wichtigsten und schillerndsten Madrigalkomponisten Gesualdo, Marenzio und Monteverdi vor. Ende des 16. Jahrhunderts wurden Kompositionsregeln zugunsten des Textausdrucks bewusst verletzt - am Pfingstsonntag 2020 werden Aufführungsgepflogenheiten erneut missachtet. Schmerz, Dissonanz, modern klingende Harmonik, Tod, Traum, Schweigen, Stille, Ticho, Totenstille. Wenn die Festivalhalle der Stille nachlauscht…

Außenseiter, Alte Bekannte und Neuentwickler -
Pfingsten Zwanzichzwanzich - Vol. I:

Freitag, Samstag, Sonntach, Johntach!

Pfingstmontag kehrt einer der wichtigsten Gefährten des mœrs festival zurück - John Zorn fächert sein exklusives musikalisches Kaleidoskop aus. Pianist Stephen Gosling interpretiert Zorns 18 Studien zu Arbeiten des englischen Malers Joseph Mallord William Turner. Später wird Gosling die kanadische Weltklasse-Sopranistin Barbara Hannigan begleiten, die John Zorns „Jumalattaret“ in Moers zur Europauraufführung bringen. Der Meister selbst wird nicht nur solo am Altsaxophon zu hören sein, sondern das Abschlusskonzert der 49. Festivalausgabe an der „hermetic organ" der Moerser Stadtkirche bestreiten. (hier: begrenztes Platzangebot! first come, first served!)

Zweitausendundzwanzig, Zwanzichzwanzich, 2020 - und immer noch am Niederrhein... Zukunftsmusik das meiste, von dem ich als Kind geglaubt habe, wie eine Welt heute so aussehen müsste. Nach Orwell, Kubrick oder Hawking befindet sich das moers festival noch immer in seiner ziemlich eigenen Zeitkapsel und treibt irgendwie lost durchs All. Die nahende digital riechende Jahreszahl schert die scheinbar wild zusammengewürfelte subversive Besatzung aus langhaarigen Visionären, Zwergutopisten, Klangglücksrittern und Weltverdreherinnen kaum. Einzig den am Steuerpult grübelnden etwas dubios daherkommenden Schmuggelcommander beschleicht das mulmige Gefühl, dass hinter dem nächsten stilistischen Riss im improvisierten Kontinuum eine neue Dekade von ungehobelten Gegenentwürfen und abenteuerlichen Passagen doch noch überraschen könnte.

Unter dem milden Licht des Moerser Mondes erreicht ein Funkspruch (analog natürlich!) die Crew - die Versatzstückchen lassen zwischen den unregelmäßig wiederkehrenden Interferenzen eine weise, erfahren wirkende Stimme erkennen, die zugleich mutig und ein wenig gestört (aber dadurch auch sexy) klingt. "Miss Unimoers!" ruft der Schmuggelcommander erleichtert aus, "Hähä, gut Ihre Stimme mal wieder zu hören! Da sind Sie ja wieder...". "Ich war immer da.", tönt es sanft und etwa eine kleine Terz zu hoch aus dem Cockpitlautsprecher. "Ich werde immer dabei sein...". Kollektiv jubeln die erschöpften Zeitkapselreisenden, der Heimatfreude überbordend, ihre liebsten Stätten ganz bald endlich wiederzusehen: das Traumfahrtzentrum Solimare, das Mare Bettenkampium, das Wellness-Eldorado "Schlosspark-world", den Teilchenbeschleuniger "Röhre", die berüchtigte Schurkenkneipe Bollwerk 107 oder die moersifizierten Guerillaläden in der beengten Moerser Altstadt mit ihren Weltraumorgelkirchen.

Doch die Vorfreude endet jäh, als Miss Unimoers befiehlt: "Tacet!". Stille in der Kapsel - der Schmuggelcommander zieht nervös an seiner Digitalzigarette. "Ich habe seit 1972 schon viel gesehen, gehört und erlebt...". Pietätvolles Nicken im Cockpit, Unimoers führt weiter aus: "...und der gute Mond über Moers hat schon oft mit dem Kopf geschüttelt." Ängstliches geducktes Grinsen am Steuerhebel und an der 1/2 Zoll-Bandmaschine. "Wir befinden uns am Vorabend eines denkwürdigen Ereignisses. Wisst ihr das?" Die Zwerge und Glücksritterinnen nicken eifrig, der Commander fragt leicht errötend "Sie meinen, äh... nächstes Jahr... dass wir da nochmal ganz besonders...?". "Ja. Genau. Strengt euch nochmal richtig an, bevor..." An dieser Stelle reisst die Funkverbindung jäh ab. Keine Silbe mehr zu verstehen. Kommunikation beendet. Bis zum nächsten Wiedereintritt in die Grafschafter Umlaufbahn Pfingsten 2020... Tja.

Liebe Freunde, Weggefährten und Neuentdecker!

Vorabende kündigen Ereignisse an. Die Geschichte der Besatzung in der durch Genres und Szenen schwebenden Zeitkapsel und der geheimnisvollen Miss Unimoers wird also vermutlich erst Pfingsten 2020 in der Festivalhalle, im Moerser Schlosspark und der Stadt weiter Gestalt annehmen und spannend bleiben...

Die 49. Ausgabe des moers festival vom 29. Mai bis 01. Juni 2020 ist ein solcher Vorabend. Eine Ouvertüre, ein Intro, so aufwirbelnd, dass es merkwürdig wäre, wenn danach einfach alles beim Alten bliebe.

Vorabende kündigen Veränderungen an.

Befinden wir uns an einem Vorabend, wenn wir auf das blicken, was sich gerade politisch im Land abspielt? Befinden wir uns an einem Vorabend, wenn wir darauf blicken, wie es um unsere Freiheitsspielräume bestellt ist, wie fähig wir zur Menschlichkeit, zur Selbststeuerung, zur Demut sind?

Unser Weihnachtsschlager, das Early Bird Ticket, ist ab dem 04. November, 17:00 Uhr in limitierter Auflage für 130,00 € bzw. 65,00 € (inkl. Gebühren) ermäßigt unter www.moers-festival.de und an vielen Vorverkaufstellen erhältlich.

Also, ich darf ja nicht viel verraten - nur so viel: Unser Team durchkreuzt gerade wieder leidenschaftlich-wagemutig die Randmeere Äthiopiens, trifft alte Freunde im Manhattan der Schlaghosen, in französischen Maifeldern, chinesisch-Indonesien, kinetisch-Elektronien, springt flugs ins Kampanien des 16. Jahrhunderts und zettelt, kaum zurück, neue Kollaborationen in unseren geheimen Laboren an.

Und noch was Schönes zum Schluss: Die Ticketpreise bleiben auch 2020 niederrheinisch platt.

Ich wünsche uns allen einen prima Ausklang des Jahrzehnts
Tim Isfort