Es regnet nicht mehr an Pfingsten? Oder doch!?

Komisch, so richtig sicher regnet es einfach nicht mehr an Pfingsten. Ab und an mal ein feiner niederrheinscher Landregen - aber kein Vergleich mehr zu früher, als man bei relativ schlechtem Sound unüberdacht und total durchnässt jung im Matsch saß und sich flashen ließ von dem, was da auf der kleinen großen Moerser Bühne passierte.

Dieser Rundbrief, liebe mœrs festival - Citoyens, kommt nach langer Stille mitten aus dem vermeintlichen Nichts; leise in die laute Vorweihnachtszeit. Und er soll euch letztlich subtil und hinterrücks zum Kauf des Early Bird Festivaltickets locken (psst - ja, es gibt kein besseres Weihnachtsgeschenk!). Trotzdem will ich ein bissken Neuigkeiten unser Team betreffend ausplaudern, weiter stolz anschlagen, dass uns der Bund unlängst Fördermittel über fünf Jahre (!) bewilligt hat und überdies noch ein wenig zerstäuben, welche Gedanken mein Team und ich uns in der Zwischenzeit so gemacht haben. Letzteres zuerst:

Wir sind 2017 angetreten und haben begonnen, einiges auszuprobieren, zu verändern, anders zu denken - wir werden 2019 also irgendwo in der Mitte einer Art Improvisationspassage sein - vielleicht zwischen 2017 und 2021, wenn moers fünfzig wird. Bis dahin werden wir ein etwa zehnprozentiger Teil dieses dann fünfzigjährigen Improvisationskonzerts sein, das 1972 im Schlosshof begann. Jetzt sind viele von uns älter, haben Kinder oder Enkel; einige der jüngeren kennen möglicherweise nur die tolle neue Konzerthalle, feinste Technik - gar nicht mehr Matsch, Zelt, Gepolter. Und jede Generation erwartet in und von moers dies und das - aber auch, dass vieles doch bitteschön ungefähr so bleibt wie gewohnt ...

 

Als die Regenfässer diesen Sommer leer waren, habe ich meinen Gemüsegarten nachgewässert - weil ich es kann. Wir schauen uns Künstler in den entlegensten Weltgegenden an, fliegen jedes Jahr die schillerndsten Vögel rund um den Globus ein - natürlich mit dem größtmöglichen CO2-Gewissen, politisch korrekt und umweltfreundlich - auch beim Drumherum des Festivals. Alles as green as possible, upgecycled und unter Vermeidung von unliebsamen Zugeständnissen.

Auch das alles, weil wir es können.

Aber ist doch auch völlig o.k., Leute. Die Welt geht ja auch nicht unter, wenn jeder von uns doch mal schnell was im Netz bestellt oder nach der Arbeit ausnahmsweise abgepackten Plastikscheiß kauft. Ich baue ja mein Gemüse eigentlich im Garten zuhause an; nur doof mit der Dürre diesen Sommer. Und ich kaufe ja auch nicht bei irgendwelchen Riesenketten oder mache Kreuzfahrten, fahre auch kein Sport Utility Vehicle, mache keine überflüssigen Fernreisen oder so. Und ich bin natürlich auch völlig frei von Alltagsrassismus, Vorurteilen und kenne auch niemanden, der politikmüde, abgehängt oder ansatzweise rechts ist. Si, claro.

Nein, das machen doch höchstens ein paar Leute im entfernteren Freundes- oder Familienkreis. Da ist sicher auch keiner dabei von den mittlerweile fast 20%, die man am liebsten nicht wahrhaben will. Und wenn die mal so wie ich privilegierter Weltreisender sehen könnten, wie es in Südostasien oder Afrika aussieht, in Indien, Nordkorea, in Südosteuropa oder auf deutschen Autobahnen, beim Nachbarn gegenüber ... die würden sofort anders leben, gerade wir - die mit den Kindern und Enkeln.

Wenn wir nur bloß wüßten, dass der Kauf von Klamotten und all dem Kram, den wir so haben müssen irgendwo auf der anderen Seite der Welt Verlierer und übelstes Unglück produziert - wir würden sicherlich sofort vieles ändern. Logisch. Weil wir es eben können.

Peter Brötzmann hat mir Anfang des Jahres erzählt, mit welcher naiven Überzeugtheit die Postachtundsechziger damals die Welt einfach nicht mehr so haben wollten, wie sie damals, 1972, eben war. Im Moerser Schlosshof traf sich eine enthusiastische Elite, die sich durch ihre Musik nicht bloß abgrenzen wollte von der Norm, den herrschenden Zuständen. Diese Bewegung wollte die Dinge, die jeder gesehen hatte - weil sie offensichtlich waren - wirklich ändern.

Heute, 48 Jahre nach Gründung des Festivals, sehen wir auch eine unglaubliche Vielzahl von Dingen, die nicht rund laufen, die uns beschämen, bei denen wir teilweise mitlaufen oder weggucken, still bleiben. Weil wir es können?

Worum geht es heute, 2018, 19, 20 ... in moers? Um das Konsumieren oder Sezieren guter und neuer Musikströmungen wie bei einer Art Leistungsschau? Ich würde gerne das Wort Elite wieder positiv konnotiert wissen.


moers 2019 fällt in die Zeit digitaler Technologien, die uns glauben machen, wir seien kurz vor der totalen Berechenbarkeit unseres Lebens. Wenngleich wir wissen, dass ein Gutteil unseres Daseins aus Unberechenbarkeiten besteht, beruhigt diese vermeintliche Vorhersehbarkeit in einer Welt, die zunehmend aus kaum noch zu überblickenden Irritationen besteht.


moers setzt auch 2019 große Fragezeichen und behauptet das Andere - durch die Musik und als Lebensgefühl. Lassen wir uns doch bitte nicht der Phantasie berauben, dass alles möglich ist!

Dass das in der Festiwelt einmalige und einsame moers festival auch in Zukunft seine Berechtigung hat, bekundet auch der Bund, der das Festival ab 2019 nun doch für fünf Jahre mit insgesamt 1,4 Millionen Euro unterstützt. Ein starkes Statement und für uns Motivation, inhaltlich weiter konsequent zu arbeiten. Unser Dank gilt hier parteiübergreifend den Bundestagsabgeordneten, die sich für das mœrs festival im entscheidenden Moment stark gemacht haben, zuvorderst MdB Kerstin Radomski und im Hintergrund Siggi Ehrmann - unmöglich, hier den Einsatz aller Beteiligten gebührend wertzuschätzen. Man hat in Berlin erkannt, dass diese merkwürdige Moerser Idee eine solitäre und nicht mehr in Frage zu stellende ist, dass ihr kultureller und gesellschaftlicher Wert heute und in Zukunft von Bedeutung ist. Damit ist neben den Fördergebern Stadt Moers und Land NRW ein entscheidender Anteil der Finanzierung über Jahre gesichert. Durchatmen - - - und endlich einmal längerfristig planen können!

Diese tolle Novelle aus der Hauptstadt entbindet uns aber nicht davon, möglichst viele Tickets zu verkaufen ... also los: Black Friday, Bonuskarte raus, Treuepunkte, Prämien, Rabatte, Vorteile sichern ... wer möchte, kann ab sofort das Early Bird Ticket für 2019 kaufen - zum gleichen Preis wie 2018. Und: wer kann könnte sich 2019 doch einfach das doppelt so teure ViP-Festivalticket kaufen, um das Festival auf diese Art zu unterstützen. Oder einfach Freundinnen, Feinde, Familie, Fussballkolleginnen, Folksmusikfans, Firmenkollegen, Filmstars, Fingstferienverweigerer, Fielfliegerinnen oder feige Freejazzferachter einladen, überzeugen oder verhaften, das bis in alle Moerser Gassen stattfindende Festival durch den Erwerb eines der verschiedenen Tickets zu begönnern und alle sinfonischen Farben aus der Nähe erleben zu können. Wer nicht kann, dem wird sicherlich wieder hinreichend Möglichkeit gegeben, an dem "Erlebnis moers" auch kostenfrei teilzuhaben.

Das Jahr der Fledermaus neigt sich schon fast wieder dem Ende zu, wir bedanken uns einmal mehr bei der Kunststiftung NRW, die auch 2019 weiter den improviser in residence für Moers ermöglicht - es ist eine schnelle Maus, die sich in Röhren versteckt! Total verrückt.

Aber auch sonst werden wir wieder Kühnes, Überraschendes und Unkonventionelles aus dem Moerslabor hören, unseren Fokus auf verschiendene Szenen und geographische Zentren richten, diskutieren, vor den Kopf stoßen, brav sein, neue Buden aufbauen, improvisieren, experimentieren, Geister scheiden, scheitern und das Moerser "doch!" einmal mehr behaupten. Denn moers ist keine show, moers wird (wenn es gut läuft) hoffentlich nie fertig und ganz sicher mit 50 noch nicht erwachsen sein!

Zum Schluss möchte ich noch drei Neuzugänge in unserem Festivalteam vorstellen, über die ich sehr froh bin:

Unsere Presse- und Medienarbeit hat zwei neue Gesichter: mit Christina von Richthofen und Nicola Oberlinger sind ab sofort zwei ausgewachsene Profis aus dem PR-Bereich an Bord unserer Arche für radikales Denken außerhalb jeder Konventionen. Ihre langjährigen Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen der Musik und ihre genreübergreifend aufgebauten Netzwerke abseits der/des Jazzstandards passen vortrefflich zu moers.

Mit der Ethnologin und Kunsthistorikerin Kerstin Eckstein war ich im Frühjahr im Grenzgebiet Pakistan - Indien unterwegs, auf den Spuren der Kultur der ethnischen Minderheit der Siddi. Ihre weitgereisten Erfahrungen im Beobachten und Erkennen, im Sammeln und Zeigen helfen uns nun bei der Beantragung und Durchführung von Sonderprojekten.

Liebe Mitbewohner dieses Festivals, dieser Idee und dieses einmaligen guten Ortes: ich wünsche uns allen eine vernünftige Weihnachtszeit und freue mich, wenn wir alle Pfingsten wieder zusammenkommen, um spannende und starke Musik zu hören und zu erleben, zu diskutieren, zu feiern und den alten wie den neuen Fragen nachzuspüren ...

Und vielleicht regnet es ja dann doch!? (zumindest in Moers ...)

Aber zunächst wünsche ich uns allen, dass es schön schneit ...

Tim Isfort

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