Programm-Bekanntgabe mœrs festival 2018

Das mœrs festival trägt seit 2017 eine neue Handschrift. „Wir werden vertiefen, was wir letztes Jahr begonnen haben“, so der künstlerische Leiter Tim Isfort, „unser roter Faden ist ganz in alter Moers-Tradition das Spiel mit dem Unerwarteten im Programm“. 

Das Unerwartete und Unerhörte sind beispielsweise die Projekte aus dem „MœrsLabor“: Musikerkonstellationen, die sich speziell für das Festival zusammenfinden, in der Woche vor Pfingsten in die Endproben-Phase gehen und in Moers Weltpremiere haben. In diesem Jahr sind es drei Begegnungen: Marimba-Madimba Conférence, Siddi Traces und Fokus Pyongyang. 

Bei der Marimba-Madimba Conférence treffen Marimba-Spieler aus verschiedenen Kontinenten aufeinander. Die drei westlichen Schlagwerker und musikalischen Grenzgänger Bernd Oezsevim, Maria Schneider und Daniel Eichholz begegnen drei zentralafrikanischen Madimba-Spielern. Im MœrsLabor entsteht eine energetische Mischung aus der Begegnung der Musikkulturen. Diese interkulturelle „Konferenz“ bildet eine Fläche aus sich ständig verändernden klanglichen Verstrickungen, über die Protagonisten wie Eugene S. Robinson (Oxbow) und Maja Osojnik (Rdeča Raketa) mit Spoken Word Poetry improvisieren.

Eine zweite exklusive Mœrs-Expedition ist „Siddi Traces“: Isolierte Musikkulturen oder kulturelle Inseln aufzuspüren ist im Zeitalter von youtube unerwartet. Die ethnische Gruppe der Siddi lebt im Grenzgebiet Pakistan und Indien. Ihre Vorfahren wurden vor ca. 250-300 Jahren aus Ostafrika nach Indien verschifft. Die etwa 30.000 Menschen umfassende Gruppe hat sich durch Musik und Tanz ihre kulturelle Identität bis heute bewahrt. In Moers begegnen Siddi-Musiker den drei indischen Musikern Sourendro Mullick (Piano), Soumyojit Das (Gesang) und Biswajit Roy (Tabla). Gemeinsam mit dem Klangkünstler Achim Zepezauer entsteht im MœrsLabor ein einmaliger musikalischer Austausch. 

In Nordkorea ist die Musik verstaatlicht. Die disziplinierten und gut ausgebildeten Musiker pflegen den alten Schatz nordkoreanischer Kultur, die überraschende Parallelen zu westlichen Musikkulturen aufweist. Mit dem Fokus Pyongyang soll die ursprüngliche Kultur aus dem „Land der Morgendämmerung“ fernab von politischen Spannungen in ihrer musikalischen Schönheit präsentiert werden und im Austausch mit internationalen Musikern in einem neuen Kontext erklingen. 

 Zu den besonderen Projekten gehört auch die Begegnung der innovativen dänischen Band Efterklang mit dem belgischen Musikerkollektiv B.O.X (Baroque Orchestration X), das die Instrumente und Musik des Barock in einen kreativen Crossover mit den Musikern aus der Indie-Szene bringt.

Peter Brötzmann kann als einer der Impulsgeber und geistigen Väter des mœrs festival seit den Anfangstagen bezeichnet werden. Brötzmann wird in Moers in mehreren Konstellationen zu hören sein. Er tritt mit seiner langjährigen Duo-Partnerin Heather Leigh auf, spielt ein Solo-Konzert, hat als Teilnehmer einer discussion! nicht nur am Saxophon etwas zu sagen  und trifft in einer exklusiven Moers-Produktion auf die experimentelle Band Oxbow.

Große Protagonisten des Avantgarde-Jazz wie Ralph Alessi (This Against That feat. Ravi Coltrane) und Rob Mazurek (Chicago/ London Underground) sind dieses Jahr in Moers zu hören ebenso wie die hochkarätige Produktion der WDR Big Band mit Peter Erskine unter der Leitung von Vince Mendoza.

Seit 11 Jahren hat die Stadt Moers durch eine Förderung der Kunststiftung NRW einen jährlich wechselnden improviser in residence, der auch traditionell beim Festival auftritt. Die improviser 2018 Josephine Bode hat für ihr Projekt den amerikanischen Pianisten Ethan Iverson eingeladen, der 2017 mit seinem Trio The Bad Plus beim mœrs festival spielte. Mit einem Arsenal an Blockflöten unterschiedlicher Größen und Stimmungen werden Josephine Bode und ihre Mitmusikerin Dodó Kis mit Ethan Iversons Piano in einen musikalischen Dialog mit selten gehörten Klangfarben treten. 

Neben Ethan Iverson können die Besucher noch weitere Bekannte aus dem letzten Jahr wiedersehen: Nate Wooley, der 2017 mit Ingrid Laubrock in Moers spielte, wird mit seinem Groß-Projekt Seven Storey Mountain zu hören sein. Die Perkussionistin Huguette Huguembo, die 2017 mit Radio Kinshasa auf der Bühne stand, wird aus dem Kongo nach Moers kommen. Das Duo Talibam!, das 2017 an verschiedenen Orten mit mehreren Projekten vertreten war, kommt 2018 auf die Bühne in der Festivalhalle und als „artist in resisitance“ in die Stadt. Ein weiterer Act mit politischem Statement ist die US-amerikanische Gruppe Irreversible Entanglements, die Black Identity, Feminismus und Polizeigewalt thematisiert. 

Moers ist auch immer ein Ort für bunte Vögel und Ausbrecher aus dem musikalischen Mainstream. In diesem Jahr sind das zum Beispiel Richard Dawson mit seiner archaischen und freien Interpretation von Folk, die brasilianische Independent-Band Quartabé, das Projekt Mikrosaivo, bei dem Tom Liwa in der Phantasiesprache Halverstek singt, Frank Fairfield & Meredith Axelrod, die mit Rag-Time und Murder-Ballads alte amerikanische Zeiten auferstehen lassen. 

Die im vergangenen Jahr erweiterten mœrs sessions finden dieses Jahr Eingang ins Hauptprogramm, eine der Sessions wird in der Festivalhalle stattfinden. 

Die Reihe discussions wird ebenfalls ausgebaut. Hier wollen wir die Frage erörtern, worum es in Moers eigentlich geht: um Musik? eine Bewegung? Free Jazz? wildes Campen? Oder ist vielleicht dieses „Moers“ einfach nur ein guter Ort? Wir haben hochklassige Teilnehmer für diese Diskussionen eingeladen,  Journalisten, Künstler, Philosophen, Kulturmenschen und Zeitgeister. 

Auch dieses Jahr gibt es Veranstaltungen an vielen weiteren Spielorte in der Moerser Innenstadt: in Kirchen, Schulaulen, Clubs und Kneipen werden Acts aus dem Hauptprogramm und teilweise kostenlose Konzerte zu hören sein. 

 Und nicht zuletzt hoffen wir auf gutes Wetter für die Pfingsttage und fordern die Festivalbesucher auf, die Badesachen einzupacken. Denn es wird auch ein Konzert im Schwimmbad neben der Festivalhalle geben, das über Unterwasser-Lautsprecher zu hören sein wird.

In diesem Jahr wird über arte, WDR Fernsehen und die Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) wieder ein Live-Stream aus der Festivalhalle ermöglicht; die Mitschnitte sind für sechs Monate in der arte Mediathek zu sehen.