Künstlerische Leitung

- Reiner Michalke
Über Reiner Michalke
Lass den Bassisten machen
VON STEFAN HENTZ
Man könnte das Tagesmenü im Kölner Stadtgarten als Gleichnis nehmen für die Arbeitsweise von Reiner Michalke. Die Säure der Vinaigrette am Salat, die knackigen Teigrollen, der Klecks Sambal Oelek, der dem Ganzen erst die richtige Schärfe verleiht. Man könnte die Tätigkeit eines Programmgestalters mit derjenigen eines Koches vergleichen. Reiner Michalke ist Programmgestalter: Im Stadtgarten, den er seit 1986 zum führenden Jazzclub Deutschlands machte. Dazu übernahm er vor vier Jahren die künstlerische Leitung des moers festival, das die Stadt am Niederrhein vor Jahren auf die Weltkarte der experimentierfreudigen Musik gebracht hat. Für beide, das Festival und den neuen Leiter, eine glückliche Verbindung.
Michalke, Jahrgang 1956, begann als Musiker, Bassist. Mit 16 wollte er Jazz lernen und setzte sich in die Veranstaltungen der Musikhochschule. Michalke beackerte ein weites Feld, Jazz, Funk, Rock, und natürlich zog es ihn schon bald zum Festival in Moers. Das hatte an Pfingsten 1972 als kleines Freejazz-Festival im Innenhof des Schlosses in Moers begonnen – und wuchs rasch. Stilsicher navigierte der Initiator Burkhard Hennen im ersten Jahrzehnt sein Festival auf den jeweils höchsten Wellen der internationalen Jazz-Avantgarde: Zum rebellischen Gestus des Free Jazz kamen die aufgedrehten Lautstärkeregler des Punk, zum Genius der Dilettanten die klirrende Kälte der elektronischen Zukunft. Reiner Michalke war Stammgast, Moers war sein Festival, damals schon, und das ist so geblieben. „ Moers ist ein paradiesischer Zustand“, schwärmt er heute, „da treffen die Musiker auf Zuhörer, die sich definitiv überraschen lassen wollen. Für mich ist das immer wieder faszinierend, zu erleben, was da funktioniert.“ Hier können experimentierfreudige Musiker Risiken eingehen hier finden sie gute Auftrittsbedingungen und ein Publikum, das sich daran gewöhnt hat, vom Unerwarteten mitgerissen zu werden.
Genau so etwas wollten Reiner Michalke und seine Musikerkollegen erreichen, als sie im Jahr 1978 die Initiative Kölner Jazz Haus gründeten. Köln war Wüste für die hoch talentierten Musiker, die der Jazzstudiengang in die Stadt lockte: keine Jobs, keine Auftrittsmöglichkeiten, keine Akzeptanz. Acht Jahre später hatten Michalke und seine Mitstreiter ihr Etappenziel erreicht, Und so einiges über politische Prozesse gelernt. Immerhin: Die Stadt stellte ihnen mietfrei den Stadtgarten zur Verfügung, ein seit Jahren leer stehendes und vor sich hin rottendes früheres Ausflugslokal in einer Parkanlage am Rande der Innenstadt. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten und dem Neubau eines Veranstaltungssaals, der 400 Zuhörern Platz bietet, eröffnete die Initiative im September 1986 ihr Jazzhaus, die mit 400 Veranstaltungen im Jahr längst eine wichtige Größe ist in der Außendarstellung der Stadt. Ein Veranstaltungsort, erkämpft und mit klarem Verstand geführt von Musikern für Musiker, eine Erfolgsgeschichte. Michalke ist immer noch für das Programm verantwortlich, doch Musiker ist er schon lange nicht mehr. Der lange Kampf um den Stadtgarten und um die Existenzmöglichkeit der freien Kulturszene überhaupt hat ihn politisiert, er ließ sich auf Vorschlag der Grünen als „sachkundiger Einwohner“ mit Rederecht in den Kulturausschuss entsenden, engagierte sich für die Belange der freien Kulturszene. Die Zeit für die eigene Musik fiel dagegen flach. „Ich höre lieber“, sagt er.
Dazu bietet ihm die Arbeit für das Festival in Moers nun reichlich Gelegenheit. Anders als im Stadtgarten, wo er ein Programm mache, das aus dem Angebot der Bands, die ohnehin unterwegs sind, ein musikalisches Profil herausfiltert, hat er hier die Möglichkeit, die Musiker einzuladen, von denen er selbst überzeugt ist. Das heißt, wer muss sie zuvor auch gehört und gesehen haben. Die Hälfte des Jahres ist er unterwegs, besucht Festivals, Clubs, Konzerte überall auf der Welt, um aus all den Eindrücken ein Programm für vier Tage zu destillieren, das seinen Ansprüchen standhält. Abwechslungsreich soll es sein und überraschend, dazu jeder Tag in sich geschlossen – Vinaigrette und Teigrolle und prägnante Würze; den Nachtisch nicht zu vergessen. Das funktionierte in den ersten drei Ausgaben unter Michalkes Regie ausgesprochen gut: Hatte das Festival in den Jahren zuvor unter einen gewissen Auszehrung gelitten, waren einige Musiker vielleicht etwas zu häufig vertreten gewesen und die Programme nicht mehr überraschend genug, gelang es Michalke schnell, mit nur wenigen grundlegenden Änderungen wieder Wind hinter die Segel zu bringen. „Es steckt noch viel Kraft in dem Festival“, beschreibt er seine Ausgangsposition. Michalke strich die African Dance Night und mischte im Hauptprogramm die Genres neu durcheinander: Improvisieren bleibt das Leitbild, doch wird es erweitert durch Acts aus den Bereichen Art-Punk, Hip-Hop, Jazz. Das Publikum im Zirkuszelt dankt es Michalke; mit gleicher Emphase bejubelt es fragile Improvisationskonstrukte und massive Niosebeats, nordische Elektronikfriemelei oder die multimedial aufgepeppte Rekonstruktion eines Jazzklassikers.
Anything goes – und doch hat das Festival einen neuen Kern bekommen. In New York entdeckte Michalke eine lebhaft brodelnde Szene von jungen Musikern, die der Improvisation auf einem neuen Level zu einer Renaissance verhelfen. „Es gibt eine Generation von Musikern, die genau das machen, worauf ich schon lange warte: die mit dem Jazzbegriff sehr gut klarkommen, die ihre Instrumente beherrschen, aber den Ehrgeiz haben, einen eigenen Weg zu finden, ohne sich Fesseln aufzuerlegen. „ Alle Quellen sind zugänglich: Improvisation und Klassik, Jazz und Punk, analytischer Verstand und ungestüme Spiellust. So verschieden Bands wie das Fake-Jazz-Quartett Mostly Other People Do the Killing oder das Trio Zs, der Dirigent Darcy James Argue und seine Big Band Secret Society oder das Quintett Extra Life oder der Saxofonist Colin Stetson mit seinen Solo-Performances im Ergebnis klingen, sie stehen in regem Austausch und bilden eine Community, einer Musikergemeinschaft. Und eine solche Gemeinschaft zum Klingen zu bringen, das war im Kleinen schon das Ziel, auf das Reiner Michalke seine Energien richtete.
Copyright © DIE ZEIT
Erscheinungsdatum 07.05.2009
Holt die Musik nach Moers
VON ANDREAS ROSSMANN
Nicht, dass er darauf gewartet hätte. Aber als Reiner Michalke vor zwei Jahren zum künstlerischen Leiter des Festivals Moers berufen wurde, war er bestens vorbereitet. Seit 1975 hat er das Pfingsttreffen besucht: Das erste Mal als Abiturient mit dem frischen Führerschein und so wenig Geld in der Tasche, dass er nach dem ersten Tag über den Zaun klettern "musste", später als Student der Volkswirtschaftslehre und Musik, freischaffender Bassist und Jazz-Dozent, dann als Gründer der Initiative Kölner Jazz Haus (IKJH) und seit 1986 als geschäftsführender Gesellschafter des Kölner Stadtgartens, dessen Konzertprogramm er kuratiert. "Das war mein Festival", schwärmt er retrospektiv, auch wenn er erst seit 2006 hier das Sagen hat.
Von seinem Vorgänger Burkhard Hennen, der das "International New Jazz Festival Moers" erfunden und dreiunddreißig Jahre geleitet hat, spricht Michalke nur mit Respekt und bevor er ihn beerbte, hat er sich vergewissert, dass "der wirklich keine Lust mehr" hatte. Aber er hat auch erkannt, wo er ansetzen muss, um den Mut zum Risiko zu erneuern, dem Moers sein Renommee verdankt: Die Frage, ob der Jazz überhaupt noch die Quelle neuer Entwicklungen ist, ließ ihn ein Programm entwerfen, das sich um Genregrenzen nicht groß schert. Was er vorfand, beschreibt Michalke als "schöne alte Villa, die ich keineswegs abreißen, sondern zeitgemäß renovieren möchte". Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: Denn genau das hat die IKJH mit dem leerstehenden Stadtgarten-Restaurant getan, bis sie es eröffnen und dem Jazz in Köln erstmals eine feste Adresse geben konnte.
In Moers hat Michalke, schon vom Etat her, andere Möglichkeiten. Auch in diesem Jahr hat er Künstler eingeladen, die zum ersten Mal in Europa auftreten oder überraschende Konstellationen bilden. "Fast alle später wichtigen, einflussreichen Musikerpersönlichkeiten haben zu einem sehr frühen Zeitpunkt hier gespielt", benennt Michalke einen Anspruch, den er aufrechterhalten möchte. Dafür ist er zwischen Bergen und Beirut, Vancouver und Reykjavík viel herumgereist, hört CDs, liest Zeitschriften und schickt Scouts los. "Oberste Priorität aber haben für mich Musiker, die von anderen Musikern erzählen:
Sobald ein Name zweimal fällt, gehe ich dem nach." Dass eine Gruppe für ein einziges Konzert aus Übersee einfliegt, ist für Reiner Michalke, der 1956 in Köln geboren wurde und lange für die Grünen als "Sachkundiger Einwohner" im Kulturausschuss saß, auch ein Problem. Das Ehrenamt hat er für Moers an den Nagel gehängt, Kulturpolitiker aber ist er geblieben: Eine seiner Neuerungen ist das Festivalradio, das im ganzen Stadtgebiet empfangen werden kann. So hofft er, ein paar der vielen jungen Leute für "seine" Musik gewinnen zu können, die über Pfingsten nur der großen Party wegen nach Moers pilgern.
Copyright © Frankfurter Allgemeine Zeitung
Erscheinungsdatum 24.05.2007
Clubs und Glamour
VON HANS-JÜRGEN LINKE
Was ist eigentlich auf dem Campingplatz los, in den sich der Schlosspark in Moers immer zu Pfingsten verwandelt? Warum kommen jedes Jahr Zehntausende junger Leute dorthin, ohne sich von dem internationalen Jazzfestival abschrecken zu lassen, das zeitgleich in der Nähe stattfindet, aber auch, ohne dort hinzugehen? Alles, was man in Moers von diesen Leuten wirklich weiß, ist, dass sie eine Parallelgesellschaft bilden und die Beseitigung der Spuren, die sie im Park hinterlassen, die Stadt viel Geld kostet. - Und nun zu etwas völlig Anderem: Das Moers Festival gibt es seit 34 Jahren. Es gab eine Zeit, da war es für die deutsche Jazz-Szene wichtiger als das Berliner Jazzfest. Das hat sich im Laufe der Jahre ein bisschen geändert. Das einst dominante und verlockende Avantgarde- und Trendsetter-Image ist dahin, es hat die jüngeren Leute im Schlosspark nicht einzubinden vermocht, und es hat den Älteren längst nicht mehr immer plausibel machen können, warum sie zu Pfingsten nach Moers kommen sollten.
Jetzt hat Festivalleiter Burkhard Hennen, der das Festival seit 34 Jahren zu seiner persönlichen Sache gemacht und mit der Stadt - und zugleich immer auch gegen sie - aufgebaut und ausgebaut hat, sich zurückgezogen. Einem Interview mit der Zeitschrift /Jazzthethik/ ist zu entnehmen, dass dieser Entschluss erwartungsgemäß voller Ambivalenzen steckt.
Hennens Nachfolger in Moers ist kein unbeschriebenes Blatt im nationalen Jazz-Betrieb: Reiner Michalke gehörte 1978 zu den Gründern der Initiative Kölner Jazz Haus und ist seit fast zwei Jahrzehnten Programmchef des Kölner Stadtgartens, eines modellhaft gelungenen Projekts, das Gastronomie und elaborierten Konzertbetrieb produktiv miteinander vermittelt. Er war künstlerischer Leiter des Festivals "post this and neo that" in der Kölner Philharmonie, Mitglied der Künstlerischen Leitung der MusikTriennale Köln, Kulturpolitiker und umtriebiger Produzent und Moderator für Hörfunk und Fernsehen.
Michalke ist als Interessenvertreter zur erfolgreichen Konfrontation fähig, aber sein programmatisches Anliegen ist immer zutiefst integrativ. Er ist ständig auf der Suche nach Neuem, schaut gern zurück, liebt Glamour /und/ verräucherte Clubs. Reiner Michalke will immer am liebsten alles. Seine Ankündigungen für Moers klingen derzeit verständlicherweise noch etwas wolkig, aber vielversprechend: Er will den Jazz aus den Metropolen wieder verstärkt auf das Festival holen, Musiker spielen lassen, die noch nie in Moers gespielt haben, und Musiker, die in den Anfängen dabei waren. Das Festival vergleicht er mit einer schönen alten Villa, die er nicht entkernen und erst recht nicht abreißen will, sondern ressourcenschonend neu möblieren und auf den Stand des 21. Jahrhunderts bringen. Reiner Michalke wird dabei nicht tatenlos an der Parallelgesellschaft auf den Campingplatz vorbeigehen können.
Copyright © Frankfurter Rundschau
Erscheinungsdatum 17.05.2005


