Den improviser in residence 2015 und Dauergast des moers festival braucht man eigentlich nicht mehr vorzustellen. Als musikalischer Weltreisender hat Hayden Chisholm seinen Lebensmittelschwerpunkt seit 2017 nach Belgrad verlegt, genauer gesagt in das hochspannende Viertel Dorćol, von dem er uns dieses Jahr in Moers erzählt...

Serbien – Ein fraktaler Korianderdschungel

Der Zug von Thessaloniki nach Belgrad arbeitet sich dampfend in Schrittgeschwindigkeit durch leerstehende Dörfer in Südserbien. Dem Dampf folgt der Rauch einer Zigarette des Schaffners, der die Schiebetür öffnet und mich in Adidas Jogginghose mit tiefer, heiserer Stimme nach Pass und Zugticket fragt. Während ich ihm meine Dokumente reiche, füllt sich das Abteil mit Qualm, Männerparfum und Lucky Strike Zusatzstoffen – eine Art olfaktorische Hochzeit. Einige Tage später begegne ich einem einheimischen Musiker, der nach einer Figur aus einem Sylvester Stallone Film benannt wurde. Er zieht an einer selbstgedrehten Zigarette und sagt ruhig zu mir: „Hier, nimm die Schlüssel zu meinem Studio und spiel, wann immer du willst– ich kenne dich zwar kaum, aber ich vertraue dir und respektiere dich dafür, dass du in diesen Dschungel gekommen bist.“ Ich nehme das Angebot gerne an und starte meine Proben im fast verlassenen Hafen von Belgrad, ungefähr dort, wo die schläfrige Sava auf die mächtige Donau trifft, dort, wo man, so würden es die Einheimischen sagen, „sein Haus mitten auf der Straße baut“. Herrscher kamen und gingen und ließen Asche und Staub zurück. Oft sage ich augenzwinkernd, dass für uns Neuseeländer Feuer und Wut in regelmäßigen Abständen aus der Erde kommen und niemanden verschonen; aber für die Serben kommt das Feuer von oben und von Menschen und es lässt wenig zurück. Beides ist unberechenbar. Beides fordert von einem, dass man das Jetzt wertschätzt, weil man nie wissen kann, was der nächste Tag bringt. Von meinem neuen Übungsort in Belgrad kann ich nachts eine Geige in der Ferne hören. Manchmal erhebt sie sich zu einem reizenden Flug, manchmal scheint sie in einem bluesigen Balkansumpf zu versinken. Nachdem ich diesem Rätsel einige Nächte zugehört habe, traue ich mich endlich nach seinem Ursprung zu suchen. Von der Straße sehe ich einen Ort, der aussieht wie eine Autowaschanlage. Vorsichtig gehe ich hinein und entdecke eine versteckte Kafana, in der mehrere Männer zusammenkauern und offenbar Ernstes besprechen. „Entschuldigung, ich bin ein Nachbar und wollte fragen, wer hier die Geige spielt“. „Du meinst Paganini?“, antwortet der Barmann. „Du hast den Blues von draußen gehört, he?“.

Kurze Zeit später treffe ich diesen imposanten Mann selbst und finde mich in Paganinis Küche wieder. Das Haus und die Umgebung sind wie eine Kopie meines vor zwanzig Jahren gemieteten Zimmers in Mumbai. Wenn Paganini spielt und direkt neben den Räucherstäbchen schwitzt werde ich sofort nach Indien gebeamt – zu einer weiteren geruchlichen Hochzeit. Hier beginnt meine Serbiengeschichte wirklich, da ich Paganinis Vertrauen und das seiner Musiker keinesfalls mit meinem Können am Saxophon gewinne – oh nein! – ich überzeuge mit meinem Druckkochtopf, meinem regionalen Metzger und meiner Gewürzsammlung. Kurze Zeit nach dieser Begegnung nehme ich mir ein Zimmer hinter der Kafana und fange an, für die Partys zu kochen. Schon bald kommen Paganini und ortsansässige Musiker regelmäßig wegen meiner Kochkünste. Verbindungen bedeuten alles in diesem Teil der Welt und durch Paganini lerne ich bald alle möglichen Gypsy-Musiker kennen und lande direkt an der Quelle. In einem halbfertigen Haus auf der anderen Seite der Donau in einem kleinen Zimmer treiben Lautsprecher so groß wie Autos die Proben der muslimischen Gypsys voran. Sie bringen das Saxophon an Orte, von denen ich einst geträumt hatte. Neben massiven Subwoofern sitzen Achtjährige mit Klarinetten und versuchen die Töne und Rhythmen zu treffen.

All das passiert in einer klanglichen Umgebung irgendwo zwischen Berlins Berghain und internationalem Flughafenambiente. Besonders fasziniert mich, wie Stammgäste bei den musikalischen Nächten hunderte, wenn nicht sogar tausende von Songs mitsingen können. Die Songs stammen aus Jugoslawien, aus einer Zeit lange bevor das Gras sich seinen Weg durch polierte Fassaden und Gehwege bahnte. Das alles veranlasst mich, nach den echten Goldstücken dieses Liederbuchs zu suchen und liefert mir einen guten Anlass, zu versuchen die Landessprache zu lernen. Keine schlechte Leistung für eine englischsprachige Kiwi in der Mitte ihres Lebens. Diese Suche läuft nun seit gerade mal zwei Jahren, aber sie hat mich jetzt schon zu ausgesprochen schönen Liedern und den Geschichten hinter diesen Songs geführt.

Wenn man mich nach meinem Leben in Serbien fragt, greife ich auf die Metapher des Mountainbike- Fahrens zurück. Das mache ich tatsächlich, um den Verkehr in Belgrad zu umgehen. Ich kann überall hinfahren, auf jeder Straße, jeder Gasse und jedem Trampelpfad in alle Richtungen und niemand wird jemals etwas sagen – aber natürlich halte ich die Augen auf. Wie die Einheimischen gerne sagen, „Egal wohin du deinen Arsch drehst, er ist immer hinten“. Aber das ist nichts Neues für jemanden, der schon mal in Istanbul oder Teheran gefahren ist.

Wo ich gerade bei Istanbul bin: Als die einheimischen Musiker einige ihrer Intervalle anschlugen, wurde die musikalische Geschichte dieses Ortes sehr deutlich. Zurückgelassene Blechblasinstrumente aus nördlichen Reichen wurden weiter genutzt und mit den maqams der östlichen Reiche zusammen angestimmt. Das alles passierte, während Feuer loderten, Armeen vorstießen oder sich zurückzogen und während die Dörfler auf ein gutes Jahr für ihre Pflaumen hofften, um die kommende Saison wenigstens mit einem starken Rakia überstehen zu können. Warum wird der Dschungel im Titel genannt? Nichts gegen Dschungel, die können sehr schön sein – aber dort ist jeder auf sich allein gestellt und der siebte Sinn ist ständig für das eigene Überleben gespitzt. Und warum der Koriander? Weil er polarisiert. Keiner bleibt sitzen, wenn es darum geht, ob man ihn mag oder ekelhaft findet. Und das Fraktale? Mann nehme nur ein kleines Detail meines Heimatbezirks Dorćol und es wird ganz Serbien spiegeln: Zwischen wildem Gras und Graffiti ist etwas unwahrscheinlich Schönes versteckt. Dies ist sie: Meine Kurzgeschichte von einer Kiwi, die in einem fraktalen Korianderdschungel gestrandet ist, in einem, in dem Lieder durch die verrauchten Nächte hallen. Was für ein Vergnügen, davon ein kleines Stück in Moers zeigen zu können…