Zjakki Willems, belgischer Musikjournalist, hat während der letzten zwanzig Jahre viel Zeit in Brasilien verbracht und ist zu einem ausgewiesenen Kenner der brasilianischen Avantgarde- und Improvisationsszene avanciert. Er liebt Musik, insbesondere die von Frank Zappa und tauchte mit uns in die Szene
São Paulos ein.

São Paulo – Die Tradition des Untraditionellen

Wenn es eine Stadt in Brasilien gibt, die eigentlich ganz unbrasilianisch scheint, dann ist es São Paulo! Brasília ist die politische Hauptstadt, die künstlich-großartig von Oscar Niemeyer entworfen wurde. Rio de Janeiro vereint alle Klischees: Tourismus, Samba und Favelas. Recife ist die heimliche Hauptstadt authentischer Rhythmen. Doch São Paulo ist all das und zugleich nichts davon.

Als wirtschaftliche Hauptstadt Brasiliens, mit einem Umschlag rund um die Uhr, als größte Stadt des Landes (und eine der größten Städte der Welt), leben hier ungefähr 12 Mio. Einwohner, wenn man der Stadtverwaltung glaubt und sogar 22 Mio., wenn man das städtische Umland mitrechnet. Obwohl mitten in Brasilien gelegen, trägt São Paulo den Spitznamen „Hauptstadt der Region Nordeste“ - wegen der massiven Migration der armen Nordestinos auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Sie ist die größte italienische Stadt außerhalb Italiens sowie die größte japanische Stadt außerhalb Japans, also ein Schmelztiegel der Kulturen, der Sounds und Geschmäcker.

In Sachen Kunst und Musik gibt es in São Paulo alles zu finden, von regionalen philharmonischen Orchestern bis zu lokalen Maracatus. Was die Stadt aber am interessantesten macht ist, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Orten in Brasilien (von wenigen Ausnahmen in Rio und Brasília abgesehen) eine einzigartige avantgardistische Musikszene hervorgebracht hat. Wenn es eine Tradition in São Paulo gibt, dann die Tradition des Untraditionellen!

In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren war São Paulo der Ort, an dem die Tropicália Bewegung aufkam, sozusagen Brasiliens kultureller Mai 1968. Viele der Tropicália Musiker*innen haben mittlerweile ihre Durchschlagskraft verloren, aber der ikonoklastischste von ihnen ist der heute 82-jährige Tom Zé. Er ist noch immer in vielerlei Hinsicht ein Vorreiter und ohne Zweifel São Paulos legendärster Künstler. Das moers festival ist stolz, ihn für ein exklusives Konzert gewonnen zu haben. Tropicália ist keine Bewegung, die nur aus São Paulo kam. In den frühen achtziger Jahren entstand die Vanguard Paulista, die Avantgarde São Paulos, mit Künstlern wie dem späten Itamar Assumpção und dem immer noch tourenden Arrigo Barnabé (wir erinnern uns an 2018, als seine fantastischen Enkel*innen Quartabê in Moers gastierten).

In den 2000ern ragten Bands wie das unglaubliche Percussion-Duo Soukast aus dem Improvisations-Underground São Paulos hervor (bestehend aus Musikern von Hurtmold oder Rob Mazurek aus Chicago). Natürlich bietet eine derartige Metropole außerdem eine große Szene an Graffitikünstlern, urbanen Poeten, Rappern und Hip Hoppern, wie zum Beispiel Cirolo, Emicida, Racionais MC’s und Rodrigo Brandão. Letzterer wird ebenfalls in Moers auftreten. Seit den 2010er Jahren boomt eine musikalische Bewegung ohne Namen, die sich um die Gruppe Metá Metá konzentiert, mitKünstlern  und Künstlerinnen wie Kiko Dinucci, Thiago França, Juçara Marçal, Rodrigo Campos, Thomas Rohrer, Gui Amabis, … um nur einige zu nennen. In dieser Szene spielt jeder mit jedem. Man kann kaum ein Konzert in São Paulo erleben, ohne einer/einem der Beteiligten zu begegnen. Das moers festival wird verschiedene Konzerte mit diesen Musikern präsentieren, von der Solo Performance bis zum Nonett.

Willkommen in São Paulo, seja bem-vindo!