Unser Teammitglied Oliver Ludley ist absoluter Japan-Fan, tourte dort bereits als Musiker und hat sich für uns durch die moers-Brille schauend in der Tokioter Szene umgetan. Aus dem Land der aufgehenden Sonne kehrte er mit spannenden Projekten im Gepäck zurück. Außerdem: Ohne Oli gäbe es im Festivalbüro viel seltener Sushi!

Deutsch-japanische Freundschaft

1974 war ein Spitzenjahr! Der Tokioter Spielwarenhersteller Sekiguchi bringt Monchhichis (jap. モンチッチ, Monchitchi) auf den Markt. Sie erinnern sich; jene affenähnlichen Püppchen, die deutsche Kinderzimmer ruck zuck unterwanderten. Kurz nach Pfingsten - im Juli 1974 - eröffnet inDüsseldorf  Europas erste japanische Buchhandlung Takagi; eine Sensation, die damals der japanischen Gemeinde Druckerzeugnisse aus der Heimat lieferte und heute Anlaufstelle für deutsche Japanfans ist. Pünktlich zu Pfingsten spielt 1974 das Yosuke Yamashita Trio erstmalig im Moerser Schlosshof und kehrt in den Jahren 1975, 1976 und 1977 zurück. Lichtgestalten der japanischen Improvisationsszene wie der Trompeter Toshinori Kondō oder die Doctor Umezu Band zählen zu den zahlreichen japanischen Künstlern, die beinahe jährlich auf dem Festival gastieren. Unvergessen sind zweifelsohne auch die legendären Performances des Shibusa Shirazu-Orchester; moers-japanische Freundschaft! Nachdem es in Moers während der vergangenen Jahre etwas ruhiger um Japan war, wollten wir wissen, was gerade in der dortigen Szene passiert. Stolpern bei unseren alltäglichen Japanbegegnungen über Klischees, wenn sich das Festivalteam bei nächtlichen Sushi-Bestellungen freut, dass das Essen nicht aus Plastik ist, wehren uns unerschrocken gegen jede Form von Kirschblütenromantik und ja, vielleicht träumt der ein oder andere an kalten Tagen heimlich auch von beheizten Toilettensitzen; Punk ist das nicht! Umso mehr begeistert es uns, in 2019 die wildgewachsene und lang gehegte Verbindung zur experimentell-avantgardistischen Jazzszene Japans wieder zu intensivieren, unsere Fühler auf verschiedenen Kanälen Richtung Tokio auszustrecken und unseren Japanexperten Oliver Ludley ins Feld zu schicken, um die aktuelle Improszene ausgiebig zu erkunden. Erste Erkenntnis: Die Japaner essen nicht nur Fisch. Oliver ist nämlich Veganer und ist trotzdem in Tokio nicht verhungert. Zweite Erkenntnis: Gemessen an seiner Bevölkerung hat Japan weltweit die meisten Jazzfans zu verzeichnen. Doch ist die Jazzszene vielerorts traditionell und der Geschmack der Fans hartnäckig konservativ. Eine Ausnahme bildet seit den 1960er Jahren das rebellisch moers-affine Tokio; und das ist gut so, denn dort war Oliver.

Bei Rückkehr sprüht sein Gepäck vor Entdeckungen. Aller Krach wird Musik! Frei und konzentriert hat Toshimaru Nakamura ein weltumspannend einzigartiges Konzept entwickelt, benutzt ein No-Input-Mixing-Board zur Klangerzeugung und arbeitet als schillernder Elektro-Nerd mit hochfrequenten Sounds, die zu moers nicht besser passen könnten. Das Yasei Collective mischt neu, stellt fernöstliche wie tiefwestliche Geschmackskonventionen auf den Kopf, spielt humorvoll mit Klischees, legt als DJ-Kollektiv zudem in der Röhre auf und besticht durch klugen dekonstruktivistischen Intellijazzpop. Und nicht zuletzt: Sogar das moers festival lässt sich unterwandern... doch! Diesmal aber nicht von Monchhichis, sondern vom JAPANESE NEW MUSIC FESTIVAL, das rund um die zentrale Figur Tatsuya Yoshida in acht unterschiedlichen Zusammensetzungen mit anarchischer Brillanz und virtuosem Aberwitz das Publikum an mindestens fünf Spielorten (Schlosspark, Festivalhalle, Stadtkirche, Röhre & Festivaldorf) infiltrieren wird. Wer da noch den Überblick zwischen „echt“ japanisch und „echt“ moers behalten will, hört lieber selbst…

Auf die moers-japanische Freundschaft!